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Forschungs- und Innovationspreis 2017

Die Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften e.V. (GfR) lobt seit 2016 gemeinsam mit dem Rehabilitationswissenschaftlichen Verbund Berlin, Brandenburg und Sachsen (BBS) und dem Forschungsverbund Rehabilitationswissenschaften Sachsen-Anhalt und Thüringen (SAT) den Forschungs- und Innovationspreis der GfR e. V. aus.

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Dr. Betje Schwarz gewinnt Forschungs- und Innovationspreis der GfR e.V.

Brigitte Gross (rechts), Direktorin bei der Deutschen Rentenversicherung Bund, überreicht Dr. Betje Schwarz den Scheck für den Forschungs- und Innovationspreis der GfR e.V. im November 2017 in Jena. Foto: Michael Szabó

Welche Förderfaktoren unterstützen die berufliche Wiedereingliederung nach einem Schlaganfall? Welche Barrieren behindern Return to Work? Dr. Betje Schwarz von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat dazu eine qualitative Meta-Synthese durchgeführt und zusammen mit den Co-Autoren Dr. Marco Streibelt, Deutsche Rentenversicherung Bund, und Dr. Dolores Claros-Salinas, Klinik Schmieder Konstanz, ein Literaturreview vorgelegt. Für den Artikel zur Untersuchung von Studien zur Wiederaufnahme der Arbeit nach einem zerebralen Insult, der im Journal of Occupational Rehabilitation erschienen ist, wurde Dr. Betje Schwarz mit dem Forschungs- und Innovationspreis der GfR e.V. ausgezeichnet. Brigitte Gross, Direktorin bei der Deutschen Rentenversicherung Bund, überreichte ihr den Preis im Rahmen des 18. Rehabilitationswissenschaftlichen Symposiums "Return to Work durch Prävention und Rehabilitation" im November 2017 in Jena.

Die Auszeichnung wurde von der GfR e.V. bereits zum zweiten Mal in Kooperation mit dem BBS und dem SAT ausgelobt. Platz zwei belegte Prof. Dr. Jan Mehrholz von der Hochschule Gesundheit Gera mit seiner systematischen Übersichtsarbeit nach Cochrane zur Neurorehabilitation nach einem Schlaganfall "Electromechanical-assisted training for walking after stroke", die in der Fachzeitschrift Stroke veröffentlicht wurde.

Den dritten Rang erreichte Martin Brünger von der CharitéUniversitätsmedizin Berlin. Brünger hatte die Prävalenz selbstberichteter komorbider depressiver Symptomatik auf Grundlage des Patient Health Questionnaire (PHQ-2) bei Versicherten der DRV Bund vor dem Antritt einer medizinischen Rehabilitation untersucht. Der Artikel "Prevalence of comorbid depressive symptoms in rehabilitation. Results from a cross-indication, nation-wide observational study" erschien im Journal of Rehabilitation Medicine.

Auf ein Wort mit der Preisträgerin

Herzlichen Glückwunsch, Frau Dr. Schwarz. Haben Sie mit dieser Auszeichnung gerechnet?

Vielen Dank für die Glückwünsche! Nein, ich habe nicht mit der Auszeichnung gerechnet. Zweifel hatte ich deshalb, weil qualitativen Studien mitunter noch immer mit Skepsis oder gar mit Ablehnung begegnet wird. Dabei können qualitative Studien einen ganz spezifischen und wichtigen Beitrag zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn sowie zur evidenzbasierten Praxis leisten. Darum freue ich mich auch ganz besonders über die Auszeichnung, weil sie diesen Beitrag sichtbar macht und würdigt.

 

Sie haben qualitative Studien zur Wiederaufnahme der Arbeit nach einem Schlaganfall untersucht. Welche relevanten Einflussfaktoren konnten Sie finden?

Die Meta-Synthese der insgesamt 14 qualitativen Primärstudien zeigte zunächst einmal, dass es drei Schlüsselakteure für die berufliche Wiedereingliederung nach einem Schlaganfall gibt: die betroffene Person, den Arbeitsplatz und seine Akteure sowie das Reha-System mit seinen Maßnahmen.

Auf Seite der betroffenen Person stellen insbesondere die körperlichen und mentalen Beeinträchtigungen in Folge des Schlaganfalls, die individuellen Coping- und Anpassungsstrategien sowie die subjektive Bedeutung von Arbeit und individuelle Rückkehrmotivation entscheidende Einflussfaktoren auf den Erfolg der Wiedereingliederung dar. Auf Seite des Arbeitsplatzes spielen Arbeitsanforderungen mit Möglichkeiten der Modifikation, Strategien des betrieblichen Gesundheitsmanagements sowie Arbeitsklima und soziale Unterstützung durch Vorgesetzte und Kollegen eine zentrale Rolle. Auf Seite des Reha-Systems wird der Erfolg der Wiedereingliederung schließlich durch die Verfügbarkeit, Zugänglichkeit und Angemessenheit der Maßnahmen beeinflusst.

In der Interaktion der drei Schlüsselakteure ergeben sich mit der Erfassung der Leistung und Leistungsfähigkeit der Betroffenen sowie der initialen Rückkehrerfahrung weitere zentrale Einflussfaktoren. Komplettiert wird das in der Studie entwickelte ‚APC-Modell‘ des Return to Works nach Schlaganfall schließlich mit drei allgemeinen Basisprinzipien, die idealerweise das Handeln aller Akteure bestimmen: Anpassungsfähigkeit (engl.: Adaptiveness), Zielgerichtetheit (Purposefulness) und Kooperationsbereitschaft (Cooperativeness).

 

Ein Drittel bis ein Viertel der Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben, sind im erwerbsfähigen Alter. Dennoch ist die Zahl derer, die anschließend an ihren Arbeitsplatz zurückkehren relativ gesehen gering. Welche Barrieren konnten Sie erkennen, denen Berufstätige nach einem zerebralen Insult in der Arbeitswelt begegnen?

Die zentrale Barriere für die Betroffenen ergibt sich ganz klar aus der mangelnden Zusammenarbeit medizinisch-therapeutischer und betrieblicher Akteure und der fehlenden Kopplung der v. a. auf Symptombehandlung und Verhalten fokussierenden klinischen Behandlung mit einer konsequent auf die konkreten Anforderungen und Verhältnisse am Arbeitsplatz abzielenden Intervention.

 

Wie können diese Hürden überwunden werden? Welche Konzepte braucht die neurologische Rehabilitation und wo sollen diese ansetzen?

Aus den Ergebnissen der Studie ergeben sich sechs zentrale Praxisimplikationen für die neurologische Rehabilitation:

  1. Die klinische Behandlung sollte um eine arbeitsplatzbezogene Intervention ergänzt werden.
  2. Dafür bedarf es einer verstärkten Kooperation und regelmäßigen Kommunikation aller beteiligten Akteure.
  3. Die Koordination von Akteuren und Maßnahmen sollte über die Installation eines Return to Work Managers gewährleistet werden, der auch nach dem Wiedereinstieg als Ansprechpartner für alle Beteiligten zur Verfügung steht.
  4. Ein unter Einbezug aller Akteure erstellter Return-to-Work-Plan, in dem die Zeitschiene der Wiedereingliederung, ihre konkrete Ausgestaltung und die verantwortlichen und zu beteiligenden Akteure benannt werden, sollte als zentrales Instrument der Wiedereingliederung etabliert werden.
  5. Als Basis für eine bedarfsorientierte und realistische Return to Work Planung sollte, ggf. zu verschiedenen Zeitpunkten, ein umfassendes, valides Assessment von arbeitsplatzbezogenen Fähigkeiten und Anforderungen durchgeführt werden.
  6. Die Dauer und Ausgestaltung der Gesamtintervention sollte flexibel am individuellen Bedarf orientiert werden.

 

Nehmen wir an, Sie bekämen eine Million Euro für ein Forschungsprojekt: Was würden Sie gern und mit welcher Methode durchführen?

Ich würde das tun, was die Deutsche Rentenversicherung im Rahmen des § 11 SGB IX-neu „Förderung von Modellvorhaben zur Stärkung der Rehabilitation“ aktuell plant: Die Umsetzung und Evaluation, formativ und summativ, eines auf Basis der Studienergebnisse konzipierten Return-to-Work-Programms für Personen mit erworbenen Hirnschädigungen. Das Programm soll ab 2019 in fünf Modellregionen in ganz Deutschland angeboten werden. Wir sind gespannt. Denn nun haben wir die einzigartige Möglichkeit eine konsequent aus der Forschung abgeleitete, höchst innovative Intervention unter Realbedingungen in Deutschland zu überprüfen. Dabei werden neben quantitativen Methoden auch qualitative zum Einsatz kommen.

Viel Erfolg und vielen Dank für das Interview.